Sound And Vision 10 – The Man Who Made Cartoons Swing

Ist Jazz Musik für Zeichentrickfilme? Das war eine der Fragen, die bei der Premiere, 22.1.2018, des neuen Formats der Montagegruppe Informal Impro Inn-Jazz on Vinyl die anwesenden Afficionados beschäftigte. Die Frage blieb offen, sie könnte aber mit einem Namen beantwortet werden: Raymond Scott. „You may not know his name… but you know his music from Warner Bros. cartoons“, so ist auf der Hülle der DVD zu lesen. Raymond Scott war Komponist, Dirigent, Bandleader, Arrangeur, Erfinder, Träumer, immer experimentierend, den Kopf voller Ideen.  Und seine Musik ist eng verbunden mit den Looney Tunes und Merrie Melodies, den Trickfilmserien der Warner Brothers, wenn wir die Cartoons mit Daffy Duck, Bugs Bunny oder Porky Pig sehen, dann hören wir Raymond Scott.

Scott war offen für technische Neuerungen, Aufnahmegeräte, Filmkameras, er hinterließ eine umfangreiche Sammlung an Tonaufnahmen, Geräusche im Haus, Telefonate. Er erfand ein einfaches Faxgerät, das nicht zum Einsatz kam, da es das einzige war, das es gab. Mehr Aufmerksamkeit fanden seine Maschinen,  u.a. der Sequenzer, der Ringmodulator, das Clavinox und schließlich das Electronium, „eine Maschine, die Musik komponiert, ohne ein Keyboard“. Das Electronium beeindruckte Berry Gordy, den Chef von Motown Records, so sehr, daß er an eine enge Zusammenarbeit mit Scott dachte. Daraus wurde nichts, denn Scotts Erfindungen nahmen kein Ende, er fürchtete den Diebstahl seiner Ideen und arbeitete lieber für sich in seiner Werkstatt.  Robert Moog ging schließlich seinen eigenen Weg.

Scotts Nähe zur elektronischen Musik kam nicht von ungefähr, bereits bei den Einspielungen seiner Songs war ihm die Studioarbeit wichtig, die Verbesserung der Aufnahmetechniken war das Ziel, zahlreiche Experimente und Versuche waren die Voraussetzung. Scott war nicht nur Musiker, sondern auch Toningenieur.  Und Scotts Kompositionen zeugen davon, sie sind einerseits akkurat, rhythmisch differenziert, maschinengleich, vielleicht Humoresken, zumindest was die Titel der Songs anbelangt:  Reckless Night On Board an Ocean Liner, New Years Eve In A Haunted House, Eight Egyptian Mummies, Celebration on the Planet Mars, War Dance For Wooden Indians, Dinner Music For A Pack Of Hungry Cannibals, Hypnotist in Hawaii, Hemi Demi Semi Quaver, The Girl At The Typewriter, Powerhouse, The Penguin und der berühmteste Song The Toy Trumpet. Die meisten seiner Kompositionen spielte Scott mit seinem Quintette ein. 1942, als Musikdirektor bei CBS Radio wurde, setzte er das erste rassisch integrierte Radioorchester durch. Ben Webster, Charlie Shavers, Benny Morton, Billy Taylor und Cozy Cole waren seine Sidemen. Seinen finanziell größten Erfolg hatte er als Orchesterleiter in der CBS-Show Your Hit Parade. Und Geld benötigte Scott, für seine Erfindungen, seine Firmen, wie die Manhattan Research Inc., „more than a think factory, a dream center where the excitement of tomorrow is made available today“.

Stan Warnow, der Regisseur des Films, ist der Sohn von Raymond Scott. Er drehte diesen Film, um sich diesen immer, gedanklich und körperlich, abwesenden Vater neu zusammenzusetzen. Zahlreiche Interviews mit Irwin Chusid, Jeff Winner und Gert-Jan Blom, Warnow nennt sie den Raymond Scott Braintrust, führen in das Raymond Scott Archive. Mark Koffman und Hoby Cook, Toningenieure bei Motown, erzählen von der Zusammenarbeit mit Scott, der Musikprofessor Tom Rhea behauptet in einigen Motown-Songs Scott’s Electronium zu hören.  Am Ende des Films wird klar, Raymond Scott war einmalig. Einmalig sind auch seine Einspielungen Soothing Sounds For Baby: drei LPs für Babys zwischen 1 und 18 Monaten, „an indispensable aid to mother  during the feeding, teething, play, sleep and fretful periods. An infant’s friend in sound.“

In den Extras ist zu erfahren, daß Bob Mothersbaugh nach Scotts Tod das Electronium erworben hat und es restaurieren lässt. Also wer sich für Räume angefüllt mit Regalen voller Schallplatten begeistert oder mannshohe Lautsprecher liebt und Laptops als Musikinstrument zu dürftig erscheinen, muss diesen Film sehen.

Deconstructing Dad. The Music, Machines and Mystery of Raymond Scott. Regie, Produktion, Kamera: Stan Warnow; 100 Min. plus Extras, Englische Originalfassung, USA 2012, Color/SW, Codefree, EAN 885007134848, scottdoc.com

Eine Fundgrube ist raymondscott.net. Wer sich über Samples und Coverversionen informieren will, findet einen Hinweis auf https://en.wikipedia.org/wiki/Raymond_Scott#Obscurity_and_rediscovery

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