SOUND AND VISION 1 – LET’S GET LOST

 

Sound & Vision I

Von Michael George Schmid

In den letzten Wochen zeigten die Stuttgarter Kinos eine überraschende Anzahl, mehr als nichts, an Musikfilmen. Erst die Hommage von Jim Jarmusch an die Stooges, dann eine Doku über Whitney Houston mit dem Titel „Whitney: Can I Be Me“, und im Rahmen des SWR-Doku-Festivals gab es Features zu Eberhard Weber, Frank Zappa, Ella Fitzgerald und Billie Holiday. Dazwischen noch der Spielfilm „Born to be Blue“, der, in Teilen sehr frei, das Comeback des Trompeters Chet Bakers  in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zum Inhalt hat. Ethan Hawke in der Hauptrolle und die Einspielungen aller Baker-Trompeten-Stücke durch Kevin Turcotte wurden in den Kritiken hervorgehoben.

30 Jahre zuvor hatte der Fotograf und Filmemacher Bruce Weber die Gelegenheit ein längeres Interview mit Chet Baker zu führen. Diese Gespräche, Interviews mit der Baker-Familie, ehemaligen und aktuellen Gattinnen, historisches Filmmaterial und als Klammer die Welt der hippen Jugend an Kaliforniens Strand, u.a. Chris Isaak und Flea, fließen in den Dokumentarfilm  „Let’s Get Lost starring Chet Baker“ ein. 2008 wurde der Film, versehen mit Bonus-Material, als DVD herausgebracht.

Eine Dokumentation in Schwarz-Weiß, in körniger Auflösung, Weber nimmt die Ästhetik der Baker-Portraits des Fotografen William Claxton auf,  wenn es an Filmmaterial fehlt, füllt er mit Kamerafahrten über Kontaktabzüge, Fotobildbände und Familienalben auf. Webers Stil, eine Mischung aus Nostalgie, Sehnsucht und dem Jungen von nebenan, also all das, was seine Modefotografie ausmacht, ist allgegenwärtig. Allein wenn der hier porträtierte Junge von nebenan Chet Baker auftritt, bricht das auf, Baker ist der Mittelpunkt, alle anderen sind Entourage, die die Hintergründe und die Chronologie abrunden: Dick Bock, Bakers erster Produzent, erzählt über die Anfänge, das Gerry Mulligan Quartett, Lawrence Trimble über die Jahre in Paris, seine frühere Geliebte Ruth Young, „he was just my hero“, stellt einige von Bakers Erzählungen in Abrede, seine frühere Ehefrau Carol  Baker schimpft über alle Frauen, die vor oder nach ihr mit Baker liiert waren. Und sein Freund und Musikerkollege Jack Sheldon beschreibt den Unterschied zwischen sich und Baker: Baker übte nie, „it was just easy for him, everything came easy for Chetty. He was just a natural musician“.

Für Baker selbst, das bestätigt der Film in jeder Sekunde, stand allein die Musik, seine Trompete, sein Gesang im Mittelpunkt. Als Baker 1953 und 1954 von den Lesern der Zeitschrift Downbeat zum besten Trompeter gekürt wurde, ist er, die Synthese aus James Dean, Frank Sinatra und Bix Beiderbecke, auch für Hollywood interessant; Baker spielt 1955 in dem Film „Hell’s Horizon“ Jockey, Besatzungsmitglied eines Bombers im Koreakrieg. Nicht nur seine Trompete ist allgegenwärtig, schon im Vorspann folgt auf den Filmtitel die Ankündigung „introducing Chet Baker and his trumpet“. Da er 1960 in Europa weilt, spielt Baker sich nicht selbst, seine Rolle übernimmt Robert Wagner als Chad Bixby in dem Film „All The Fine Young Cannibals“. Eine Überraschung sind die Ausschnitte aus dem ebenfalls 1960 erschienenen italienischen Film „Urlatori alla sbarra“, Baker als Chet, der Amerikaner, neben den beiden italienischen Stars Mina und Adriano Celentano. Weber wählt das Lied „Arrividerci“ aus diesem Film als Abspann:  Baker singt und sitzt in zärtlicher Umarmung mit einem Mädchen unter einem Baum in einer weiten Parkanlage, die Kamera schwenkt, es folgen Bäume und weitere Liebespaare und mittendrin eine Vespa.

Weber setzt die musikalischen Beiträge Bakers nicht in den Mittelpunkt, sie sind gekürzt, es wird eingesprochen oder überblendet; mit einer Ausnahme, ein Auftritt auf den Filmfestspielen in Cannes: „The tune is called ‚Almost Blue‘ and we’d appreciate if you could kind of try to  be quiet, because it’s that kind of tune, you know.“

Let’s Get Lost starring Chet Baker. Little Bear Films an Nan Bush present a film by Bruce Weber. Copyright 2008 Metrodome Distribution. Audio: 2.0 Stereo, Subtitles: English Hard Of Hearing, Running Time: 120 mins, Special Features, EAN: 5055002553868

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