Forever Blowing Bubbles

Sagt doch neulich so ein dahergelaufener 13-Jähriger im VfB-Trikot allen Ernstes zu mir: „Du hast doch sicher nie richtig Fußball gespielt.“

Ich musste kurz schlucken und antwortete dann forsch und bestimmt: „Tzzz, Fußball war mein Leben – zumindest von meinem 7. bis zu meinem 20. Lebensjahr. Und eigentlich auch noch darüber hinaus. So lange, bis mir mit 36 ein Band im Knie gerissen ist und ich operiert werden musste. Danach wurde ich vernünftig und schlug gegen keinen Ball mehr.“

„Und wo hast du dann Fußball gespielt? Wo hast du Fußball gelernt?“

„Der allererste Platz, auf dem ich jemals Fußball gespielt habe, war ein asphaltierter Parkplatz vor einer Firma. Es gab ein breites Garagentor. Gegenüber standen damals ein orangener NSU Prinz und eine Mercedes Pagode. Da mussten wir aufpassen und durften nicht draufschießen.“

„Kein Rasen, keine Linien, kein Netz, keine richtigen Tore. Nur Asphalt, ein Ball und ein Garagentor. Und es ging auch noch leicht den Berg runter. Aber für uns war das ein Fußballplatz. Wenn wir drüber geschossen haben, mussten wir aufs Dach klettern. Das war so ein Flachdach mit Steinen.“

Der Junge schaute mich einen Moment an.

„Gibt’s den Platz noch?“

„Glaube schon“, sagte ich. „Zumindest gibt es das Gebäude noch. Ich war aber schon lange nicht mehr dort. Das ist dort, wo ich aufgewachsen bin. Ein Kaff.“

„Können wir da mal hinfahren – das ist doch nicht weit, oder?“

Ich grinste. „30 Kilometer. Wenn du willst, zeige ich dir die Plätze, auf denen ich gespielt habe. Dann siehst du selbst, wie das so war.“

„Echt? Alle?“

„Na ja“, sagte ich, „die, die es heute noch gibt.“

Also machten wir uns auf den Weg.

Wir fuhren direkt zum alten Sportplatz in der Ortsmitte. Ich war gespannt, was davon nach all den Jahren überhaupt noch zu erkennen war.

„Schau mal, hier stand eine alte Turnhalle. Die haben sie irgendwann abgerissen. Die hatte eine Bühne und der Boden war aus hartem Parkett. Eigentlich konnte man da gar nicht Fußball spielen. Sie war auch total klein. Da haben wir auf Turnmatten gespielt oder auf diese Kastenelemente. Dort bin ich mal mit dem Kopf auf den Boden geknallt. Gehirnerschütterung. Fünf Tage Krankenhaus in Plochingen – zur Beobachtung.“

Heute sieht der Sportplatz aus wie ein richtiger Sportplatz.

Als ich hier damals gespielt und trainiert habe, war davon noch nichts zu sehen. Die Torpfosten bestanden aus eckigen Holzbalken und der Platz war eine Ansammlung einzelner Sandbänke und Grasinseln, die eher einem Kartoffelacker als einem Fußballplatz glichen.

Der Boden war voller Unebenheiten. Wenn man einigermaßen vernünftig Fußball spielen wollte, musste man sich seine Route gut überlegen – fast wie beim Golf: von Sandbank zu Sandbank.

Der Junge schaute sich den heutigen Platz an.

„Da ist ja ein Bach.“

„Ja“, sagte ich. „Oft gingen die Bälle in den Bach. Dann mussten wir sie mit einem Käscher wieder herausfischen.“

„Und die waren danach noch zu gebrauchen?“

„Na ja, die waren entsprechend schwer und ziemlich verranzt. Das waren keine Fußbälle, sondern eher Steinkugeln. Und sie rochen ziemlich modrig.“

Der Junge verzog das Gesicht.

„Iiiih.“

„Du hättest mal damit spielen sollen.“

„Und wann hast du dann angefangen, richtig im Verein zu spielen?“, fragte der Junge.

„In der E-Jugend“, sagte ich.

„Meine ersten drei Spiele gingen 0:9 gegen Deizisau, 0:7 gegen Baltmannsweiler und 2:6 gegen RSK aus.“

Der Junge schaute mich an.

„Also 2:22 Tore und 0 Punkte.“

„Ja“, sagte ich. „Aber beim 2:6 habe ich beide Tore geschossen.“

Er schaute mich kurz an.

„Ihr wart ziemliche Loser, oder?“

„Na ja, die halbe Mannschaft hat ja schon in der E- und D-Jugend geraucht und Alkohol getrunken.“

„Du auch?“

„Nee. Erst später, als ich ungefähr 16 war.“

„Ihr wart ja drauf.“

„Wir kamen vom Dorf. Das war halt damals so.“

„Und eure Eltern und die Trainer?“

„Die haben auch geraucht und Alkohol getrunken.“

„Au weia. Wenn wir damals gegen euch gespielt hätten, hätten wir 10:0 gewonnen.“

„Nee“, sagte ich. „Ihr hättet euch auf dem Platz die Bänder gedehnt und wärt nach 15 Minuten beleidigt vom Feld gegangen – wegen der schlechten Bedingungen. Und eure Eltern hätten uns verklagt.“

„Schau mal da hinten. Da waren früher noch viel mehr Bäume direkt hinter dem Tor und die ganzen Häuser gab es noch nicht. Da sind wir auf die Bäume geklettert und haben von oben auf das Spielfeld geschaut, wenn die Erste Mannschaft gespielt hat. Da musste man aufpassen, dass man nicht vom Ball getroffen wurde und abstürzte. Wir haben den gegnerischen Torhüter von oben beschimpft und versucht ihn nervös zu machen. Also nicht ich, sondern die anderen aus meiner Mannschaft. Ich war ja ein sehr anständiges Kind.“

„Haha, ja klar. Aber schon cool irgendwie.“

„Ja. Da gab es sogar eine Sirene. Da vorne am Bach stand immer einer und hat so eine Handsirene bedient. Das war ein Hexenkessel, gefürchtet bei den gegnerischen Mannschaften. Und die Linien wurden mit Sägemehl gestreut. Das hatte Flair.“

„Ihr konntet nix, aber hattet Spaß am Fußball. Haha.“

„Und was hast du für eine Position gespielt?“

„Ich habe alles gespielt. Am Anfang war ich linker Läufer, dann Torhüter, dann Stürmer. Wir sind mehr so unkoordiniert herumgerannt. Es gab keine Taktiktafeln und auch keine Videoanalyse. Als ich dann älter war, war ich Mittelfeldspieler und auch Libero. Ganz zum Schluss, in meinen letzten Jahren, habe ich auf der Sechs gespielt. Ich war ballsicher und konnte direkt und sehr präzise spielen und das Spiel gut lesen.“

„Also gut in Antizipation und Scanning der Situationen. Cool. Ich spiele auf der rechten Schiene oder als falsche Acht. Wir haben von den ersten neun Spielen sieben gewonnen und sind Erster.“

„Nicht schlecht – Ich habe sicherlich mehr Spiele in meinem Leben verloren als gewonnen. Zumindest in den Vereinen, in denen ich gespielt habe. Aber ich war ja eh mehr so der Bolzplatzspieler. Da war ich gut. Und in der Halle, bei Hallenturnieren. Meine größte Spezialität war Hochball – oder Bens, oder wie man das nennt. Ball aus der Luft, haben wir auch manchmal gesagt.“

„Ja, das kenne ich. Unser Abschluss- und Angriffstrainer spielt das mit uns öfters mal zum Cooling-Down im Training.“

„Lass uns da hochgehen.“

„Hier auf diesem Tartanplatz habe ich fünf Jahre meines Lebens verbracht. Wir haben fast jeden Tag gekickt. Als ich 14 war, haben sie diesen Platz eröffnet. Und hier habe ich meine größten sportlichen Erfolge gefeiert. Das war damals so etwas wie der Treffpunkt der Dorfjugend. Hier kamen sie mit ihren Mopeds und auch mit Autos her. Die einen standen da oben an der Straße, haben geredet, Kippen geraucht und Bier getrunken und die Musikanlage aufgedreht – und wir haben hier unten gekickt.“

„Und manche geknutscht – oder so?“

„Kann sein. Ich habe nur Fußball gespielt. Alles andere hat mich nicht interessiert.“

Manchmal haben wir bis spät in die Nacht gespielt, beleuchtet von Autoscheinwerfern. Manchmal Turniere fünf gegen fünf mit mehreren Mannschaften, stundenlang Hochball oder wir haben auf ein Tor gespielt oder irgendwelche Spiele erfunden. Lattenschießen, Ecken reindrehen. Ich war auch top im Bälle jonglieren.

„Dann warst du aber schon auch gut?“

„Wir haben ja jeden Tag gespielt. Da wurden wir automatisch besser.“

Ich habe Fußball geliebt. Nach der Schule auf einen Bolzplatz gehen – und dort ergab sich dann irgendwas. Das war total schön. Das hat für mich Fußball ausgemacht.

Wir hatten damals keine guten Plätze, keine tollen Trikots und Trainingsjacken und auch keine Trainer, die einen Masterplan hatten.

Wir hatten einen Ball, manchmal auch ziemliche Gurken.

Und wir wollten spielen.

Wir waren zeitweise so besessen, als wir in der B-Jugend und A-Jugend waren, dass wir uns morgens an einem Bolzplatz getroffen haben oder im Freibad und gekickt haben bis kurz vor Anpfiff des Spieles – das wir mit dem Verein hatten – und danach sind wir dann wieder auf den Bolzplatz.

„Krass – aber ihr hattet halt gar keine richtige Trainingssteuerung und Periodisierung und kein ausgetüfteltes Spielsystem, so wie wir heutzutage.“

„Nein“, sagte ich. „Wir hatten etwas anderes.“

„Was denn?“

„Wir hatten Freiheit. Da war keiner, der uns gesagt hat, was wir machen sollen. Wir haben unsere eigenen Spiele erfunden, unsere eigenen Regeln gemacht und uns selbst darum gekümmert, dass es irgendwie funktioniert.“

„Denn Fußball lernst du ja nicht nur, wenn dir jemand etwas erklärt und eine Wissenschaft daraus macht, sondern man lernt Fußball vor allem, wenn man spielt und Freude daran hat.“

„Und gab es noch andere Bolzplätze im Dorf?“

„Klar. Jede Menge. Bei einer Kirche gab es einen kleinen Asphaltplatz. Bei einem Häuserblock war eine Wiese, da haben wir auf Teppichklopfstangen und gegen eine Häuserwand gespielt. Manchmal waren zwei Bäume die Tore, manchmal Trainingsjacken oder Turnbeutel.

Es gab noch einen anderen Bolzplatz, auf dem ich oft war. Da war mitten auf dem Platz ein Erdwall, um den wir herumspielen mussten. Und der ganze Platz war auch noch total schief.

Oft haben wir auch einfach auf irgendwelche Garagentore geschossen. Die Erwachsenen mussten damals einiges aushalten. Manchmal mussten wir allerdings auch wegrennen. Ein Nachbar hat mir mal einen Ball zerschnitten und die Einzelteile zu uns über den Zaun in den Garten geworfen.

„Der hat dir einfach den Ball zerschnitten?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil wir ständig gegen seine Garagenwand geschossen haben.“

„Und dann?“

„Dann haben wir uns einen neuen Ball besorgt.“

„Und wieder gegen seine Wand geschossen?“

„Natürlich.“

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