Sound & Vision 6 – Kinkdom Come

Es kommt kein Königreich, sondern es kommen The Kinks. Das Brüderpaar Davies, der ältere Ray und sein jüngerer Bruder Dave, der im Schatten seines Bruders stand, was letztendlich weder die Harmonie zwischen den beiden noch die in der Band förderte. Das ist zwar altbekannt, muss aber noch einmal erwähnt werden, denn Julien Temple hätte gern einen Film über die Kinks mit allen Bandmitgliedern gedreht, so wurden es aber zwei: einer mit und über Ray Davies und ohne Dave und etwas später einen mit und über Dave aber mit Ray. Ohne den Mastermind der Band und den Komponisten ihrer Erfolgssongs ging es doch nicht.
`Cause he gets up in the morning
And he goes to work at nine
And he comes back home at five thirty

The taxman’s taken all my dough
And left me in my stately home
Lazing on a sunny afternoon

But I don’t need no friends
As long as I gaze on waterloo sunset
I am in paradise

Nik Cohn schrieb über Ray Davies, er sei ein Original, nie in Mode, kein Teil der Szene und mache seine Spaziergänge allein. Und ein Spaziergang ist auch der Film über den Imaginary Man. Julien Temple, Kinks-Fan, begleitet Ray Davies durch den Norden von London, sie machen Halt an den frühen Stätten der Band. Es ist ein Blick in die Vergangenheit, Davies erinnert sich an seine Kindheit, seine Schwestern und seinen Bruder, die Veränderungen in der Landschaft, die Entwicklung Londons („The only things swinging in London were handbags“). Davies‘ Erzählungen werden um sehr umfangreiches Archivmaterial ergänzt, die ersten Auftritte, Feiern in der Familie und der Clique, die ersten Erfolge der Kinks, es geht um Working Class, Kleinbürgertum, weniger um Startum und Machismo. Im Mittelpunkt stehen die Songs, ihre Texte, ihre Entstehung.

Gezwungenermaßen bringt Temple auch bei seinem Dave Davies-Film das identische Archivmaterial zum Einsatz, aber es stört nicht, Temple versteht es zu variieren und in einen anderen Kontext zu stellen. Ist Imaginary Man eindeutig der Film über Ray Davies, so ist Kinkdom come der Film über die Band. Und die Interpretation ihrer Geschichte liegt dabei eben in den Händen von Bruder Dave. Auch in diesem Film geht es nach draußen. Temple begleitet Davies durch die Landschaften von Exmoor. Und es wird klar, Dave Davies schrieb nicht über Swinging London, er war ein Teil davon, einer der Stars der sechziger Jahre, und er genoss dieses Leben in vollen Zügen. Es geht um die ersten Erfolge, die kompromisslose Haltung der Band (wegen der langen Haare konnten die Kinks in den USA nicht auftreten, der Gang zum Friseur war aber inakzeptabel), und es geht natürlich um den ersten Hardrock-Riff der Musikgeschichte: You Really Got Me. Davies erläutert, wie er den verzerrten Sound erzeugte. (Es sei auf die ausführliche Erläuterung im Film oder im allwissenden Internet verwiesen.)

Noch ein Hinweis auf Return To Waterloo, mit 60 Minuten ein kurzer Spielfilm. Im Mittelpunkt ein Pendler auf seinem Weg zur Arbeit in Londons City, nicht im PKW, sondern im Zug, wo das Leben spielt, was auch nerven kann, er hängt seinen Träumen nach, immer wieder gestört durch seine Mitreisenden, u.a. Tim Roth als dünner, drahtiger Punk.

Wer mehr Filme von Julien Temple sehen möchte, sei auf Absolute Beginners, The Great Rock `n´ Roll Swindle, The Filth And The Fury u.a. verwiesen. Und Nik Cohns Kurzporträt findet man in dessen Buch AWopBopaLooBop ALopBamBoom.

Kinkdom Come: Dave Davies. Regie und Drehbuch: Julien Temple, 75 Min., Englische Originalfassung, Großbritannien 2011, Produktion: BBC One, Nitrate Films, DCP/Farbe/SW, Mit: Dave Davies, Ray Davie, Alan Yentob, Paloma Faith, Amy McDonald, Mick Avory (bis dato keine DVD-Version)

Ray Davies: Imaginary Man. Regie und Drehbuch: Julien Temple, 78 Min., Englische Originalfassung, Großbritannien 2010, Produktion BBC One, Nitrate Films; DCP/Farbe/SW, Mit: Ray Davies, Alan Yentob, Paloma Faith, Amy McDonald, Mick Avory (bis dato keine DVD-Version)

Return To Waterloo. Regie und Drehbuch: Ray Davies, 60 Min., Englische Originalfassung, Großbritannien 1984, Produktion: Waterloo Films, RCA Video Productions, Channel Four. Mit: Kenneth Colley, Joan Blackman, Dominique Barnes, Valerie Holliman, Sally Anne Field, Michael Cule, Ray Davies, Tim Roth

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